Die menschliche Seite der Hundezucht

von Sandra LindbergJanuary 24, 2023
Panhu

Die menschliche Seite der Rassehundezucht ist ein Aspekt, der immer häufiger in der Zuchtliteratur beschrieben wird und ein nicht unerhebliches Problem darstellt. Und schon vor Jahren, bevor ich angefangen hatte mich intensiver mit dem Thema Zucht zu beschäftigen und in diversen Büchern und anderen Publikationen über dieses Thema gelesen habe, waren mir die Mechanismen bereits aus diversen Gesprächen mit Züchtern bekannt. 

Diese meist hoch emotionale Seite in der Rassehundezucht ist menschlich für uns nachvollziehbar, denn beim Thema Hund neigen wir alle dazu emotional zu reagieren und können diesen Aspekt oft bestens nachvollziehen. Allerdings ist es auch genau diese Emotionalität, die einen sachliche, wissenschaftliche und neutrale Zusammenarbeit im Zuchtbereich verhindert und das eigentliche wichtige Zuchtziel,  gesunde Hunde, frei von bekannten rassentypischen Erbkrankheiten, oft vergessen lässt. 

Warum ist das so? Der Grossteil der Züchter hat nur wenige Hunde und unsere Hunde sind aus unserer eigenen Sicht immer die besten, sie haben den solidesten Charakter, sehen am schönsten aus und wir sind stolz auf sie. Und das ist gut so, denn jeder Hund verdient ein Zuhause in dem er geschätzt und gut behandelt wird. Stellt sich heraus, das der eigene Hund eine genetische Disposition für eine rassentypische Krankheit trägt, dann ist das für einen Züchter oft ein Problem, denn jeder Ausfall für den Zuchteinsatz ist ein emotionales Dilemma. 

Mit diesem Problem wurde ich das erste mal vor ein paar Jahren als aussenstehender Beobachter konfrontiert. Das Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover identifizierte im Rahmen eines Forschungsprojektes eine genetische Ursache für SPAID beim Shar Pei. Shar Pei Züchter und Besitzer hatten dieses Projekt u.a. mit Proben ihrer Hunde unterstützt. Als die Ergebnisse, vor allem die Testergebnisse der einzelnen Hunde bekannt wurden sagte mir eine Züchterin damals lachend, das der Bestand der in der Zucht stehenden Hunde eigentlich durchweg nicht zuchttauglich sei und fragte mich, ob ich glaube, das daraus irgendwer Konsequenzen ziehen wird. 

Damals war ich noch naiv im Bereich der Rassehundezucht und glaubte wirklich daran, das Züchter gezielt auf Gesundheit setzen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse begrüssen und konsequente Veränderungen einleiten um dieses Ziel zu erreichen. Vieles was ich in der folgenden Zeit in persönlichen Gesprächen mit dem ein oder anderen erlebte, war ein gegenseitiges Fingerzeigen, das manchmal schon fast gehässige Züge annahm. Damals realisierte ich das erste Mal, das es gar nicht primär um die Rasse und ihre Gesundheit geht, sondern um individuelle Emotionen. Das zwar viel über das Thema Gesundheit gesprochen wird, aber das es oft nur als Alibi benutzt wird. Das einigen der eigene Status wichtiger ist als der katastrophale Gesamtzustand der Rasse. Das individuelles Rechtfertigen, Schönreden und teilweise unter den Teppich gekehrte Probleme verbreiteter sind als der Wille effizient und effektiv gemeinsam neue Zuchtstrategien zu erarbeiten und diese zusammen konsequent zu verfolgen. 

Ein Punkt, der mich seitdem immer interessiert hat, ist die Frage, was passieren wird, wenn einzelne Züchter umdenken und nicht mehr bereit sind in diesem Strom mitzuschwimmen. Was passiert, wenn einzelne Züchter ausbrechen wollen, Probleme offen ansprechen und sich offen für Veränderungen einsetzen wollen?

Sie werden von der ohnehin kleinen Züchtergemeinschaft ausgegrenzt, ihnen wird Unwissenheit vorgeworfen und sie werden als "Nestbeschmutzer" dargestellt. Ein Phänomen, das sich bei Züchtern fast aller Hunderassen ähnlich präsentiert. Die, die danach leise werden, werden weiter toleriert, wenn auch genau beobachtet. Diese Züchter bemühen sich dann alleine ihren Weg zu gehen. 

Ein Züchter, der weiter laut auf Missstände hinweist, der erlebt oft vieles, was zum einen nichts mit seiner züchterischen Arbeit zu tun hat und zum anderen ein viel erschreckenderes Gesicht seiner Züchterkollegen erkennen lässt. Persönliche Verunglimpfungen gegen einen "Querulanten" in den sozialen Medien sind inzwischen eher die Norm als die Ausnahme. Verschiedene "Nestbeschmutzer" unterschiedlicher Rassen berichteten mir von weiteren Schikanen, denen sie ausgesetzt wurden mit dem Ziel sie mürbe und schlussendlich ruhig zu stellen. So wurden und werden gerne anonyme Anzeigen gegen diese "Querulanten" bei ihren Zuchtclubs oder Veterinärämtern eingereicht. Auch mit Anzeigen bei Bauämtern und sogar den Steuerbehörden mussten sich einige "Nestbeschmutzer" schon auseinander setzen. 

Zustände, die für viele individuelle Züchter nur schwer zu ertragen sind, da sie aufgrund dessen in der Züchtergemeinschaft sozial isoliert sind und in diesem Bereich komplett ohne Rückhalt da stehen. Und diese Züchter sind es, die meinen allerhöchsten Respekt haben, denn sie ertragen das nicht nur alles, sie geben auch nur selten auf. Diesen Züchtern liegt das Wohl ihrer Rasse so sehr am Herzen, das sie nicht still bleiben können, auch wenn sie oft desillusioniert realisieren müssen, das sie nichts verändern können um den Zustand ihrer Rasse zu verbessern. 

Diese Züchter sind es, die sich gegenseitig Halt und Rat geben können und die sich gegenseitig unterstützen und von denen man viel lernen kann. Diese Züchter sind es auch, die gemeinsam etwas erreichen können. Wenn auch nicht primär bei ihrer eigenen Rasse, so können sie sich doch als Gemeinschaft übergeordneten Themen widmen.

Seit Jahren liegt das Thema Qualzucht auf dem Tisch zusammen mit dem schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand vieler Rassen, darunter meiner, dem Shar Pei. In verschiedenen europäischen Ländern gibt es seit Jahren Tierschutzgesetze, die dem eigentlich hätten entgegenwirken sollen. Doch erst seit knapp einem Jahr wird das Thema intensiver diskutiert auf Seiten der Züchter. Sie konnten es nicht weiter ignorieren, da einige Länder in unterschiedlichem Ausmaß anfingen, diese Tierschutzgesetze umzusetzen. Und auch wenn sich die meisten behördlichen Bemühungen erstmal überwiegend auf die brachycephalen Hunderassen konzentrieren, so fingen Züchter anderer Rasssen an, die ebenso unter Qualzuchtverdacht stehen, nach Auswegen zu suchen. 

Ich sah mich auf einmal in einer interessanten Position, denn ich begrüsste das die verschiedenen Länder anfingen ihre Tierschutzgesetze umzusetzen, auch wenn die Art und Weise wenig durchdacht, nicht einheitlich und sehr verbesserungswürdig ist. Alles in allem aber ein Anfang, den ich in Hinblick auf Tierwohl sehr positiv gesehen habe. Was mich in dem Zusammenhang wirklich irritiert hat? Die "Kontrollierte Rassehundezucht ist keine Qualzucht" Kampagne. Denn ich dachte tatsächlich, das viel mehr Züchter die Umsetzung der Tierschutzgesetze begrüssen werden, da Züchter öffentlich immer die Gesundheit ihrer Rasse als höchstes Ziel deklarieren. Die Strategie, mit dem Finger auf andere zu zeigen, zeigt zwar Engagement, ist aber am Ende nicht zielführend. Denn am Ende sind wir all für unsere Rasse verantwortlich. 

Vor einem Jahr fing ich an einen Artikel zum Thema Qualzucht beim Shar Pei zu schreiben. Dieser Artikel hat mir mehr als einmal Bauchschmerzen bereitet. Zum einen, weil ich wusste, dass ich mich, wenn dieser Artikel veröffentlicht wird, ohne Umwege zur Gemeinschaft der "Nestbeschmutzer" begeben kann und mit Repressalien rechnen muss. Ich gebe zu, das ist keine Situation, in die man sich fröhlich beschwingt begibt. Zum anderen, weil ich dazu viel vertiefender und zeitaufwändiger im Bereich Recht, Ethik, Genetik und Veterinärmedizin recherchieren musste.

In dieser Zeit habe ich einige sehr engagierte Menschen kennengelernt, die alle bemüht sind ein ähnliches Ziel zu verfolgen und durch unterschiedlichste Expertise dazu beitragen. Die Leistung dieser Menschen, die sich trotz teilweise übelster Anfeindungen, vor allem in den sozialen Medien, nicht beirren lassen und zum Wohle der Hunde weiterhin konsequent ihren Weg gehen, hat mir am Ende den Mut gegeben meinen Artikel nicht nur zu schreiben, sondern auch in einer Hundezeitschrift, die das Thema Qualzucht gerne thematisiert, zu veröffentlichen. 

Die menschliche Seite der Rassehundezucht ist nicht immer eine schöne, vor allem dann nicht, wenn man die ausgetretenen Wege verlässt und neue Wege geht. Diese emotionale Seite lässt leider so viele vergessen, um was es wirklich geht und das ist das eigentlich tragische an der ganzen Sache.