Selektion

China

Mein letzter Artikel zu molekular genetischen Testverfahren wurde an einigen Stellen stark diskutiert. Ein Satz, der in diesem Zusammenhang gefallen ist, machte mir klar, wie viel Lernbedarf besteht im Bereich der Rassehundezucht und warum es so wichtig ist unser bisheriges Selektionsverfahren, das oft sehr individuell motiviert ist, zu überdenken.

Selektion

Selektion an sich ist ein wesentlicher Faktor, ohne den Evolution nicht möglich ist.

Wir unterscheiden drei Arten von Selektion. Die natürliche Selektion, die sexuelle Selektion und die künstliche Selektion. In der modernen Rasshundezucht haben wir es mit der künstlichen Selektion zu tun, da diese vom Menschen vorgenommen wird. Wir entscheiden, welche erwünschten Merkmale wir fördern oder welche unerwünschten Merkmale wir vermeiden wollen und selektieren die Zuchthunde entsprechend.

Dabei hatten wir bisher fast nur den Phänotyp der Hunde im Auge. Denn das ist das was wir sehen und was züchterisch am einfachsten ist zu verändern, bzw. in die gewünschte Richtung zu lenken.

Heritabilität (Vererblichkeit)

In der Populations Genetik wird Heritabilität als „Anteil der genetisch bedingten Varianz eines Merkmals and der phänotypischen Varianz dieses Merkmals in einer Population“ definiert. Diese kann durch den sogenannten Heritabilitätskoeffizienten bestimmt werden.

Je höher dieser Heritabilitätswert ist, desto grösser ist der Einfluss der Gene auf das gewünschte Merkmal. Je niedriger der Wert ist, desto geringer ist der Einfluss der Gene und der Anteil der Umwelteinflüsse hat einen wesentlich grösseren Einfluss.

Der Phänotyp von Hunden hat einen hohen Heritabilitätswert und stand in der Rassehundezucht bisher immer im Vordergrund, da wir durch künstliche Selektion einen direkten Einfluss nehmen konnten.

Zu Merkmalen mit niedrigem Heritabilitätswert gehören zum Beispiel Allergien und Futtermittelunverträglichkeiten. Der Genotyp des Hunds gibt vor, inwieweit ein Hund Allergien und Unverträglichkeiten entwickeln kann, entsprechende Umweltauslöser lassen den Hund diese Allergien und Unverträglichkeiten auch haben.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, den viele Hundebesitzer schon oft gehört haben, wenn sie sich unsicher und in Sorge an ihren Züchter wenden, weil ihr Hund auf einmal eine Allergie oder Unverträglichkeit entwickelt hat. Hundebesitzern wird dann oft gesagt, das das nichts mit der Zucht zu tun hat, sondern an falschem Verhalten des Hundebesitzers liegt. Am Ende liegt es natürlich an der Zucht, denn hätte das genetische Merkmal nicht vorgelegen, dann hätte auch der Umweltfaktor nichts auslösen können.

Heritabilitätswerte sind also sehr wichtig bei der Selektion von Zuchttieren.

Selektionsverfahren

Wir wissen wie wichtig die genetische Vielfalt für das Überleben einer Rasse ist. Wähle ich nur die „besten“ Hunde für die Zucht aus, dann minimieren wie die genetische Vielfalt in der Rasse unweigerlich, mit all den negativen Konsequenzen die das hat. Eine Möglichkeit die genetische Vielfalt zumindest teilweise stabil zu halten, wäre nur die „Schlechtesten“ aus der Zucht auszuschliessen. An dieser Stelle kann ich nur aus dem Buch von Frau Sommerfeld Stur zitieren, die die „Besten“ Selektion mit einem feinmaschigen Sieb vergleicht, durch das nur wenige den Weg finden. Im Gegensatz dazu ein grobmaschiges Sieb, das die „Schlechtesten“ zurückhält, alle anderen jedoch durchlässt.

Wir wünschen uns gesunde und schöne Hunde. Also Hunde, die keine Defektgene tragen, dem Standard entsprechen und unserem eigenen ästhetischen Anspruch entsprechen. Wir haben es also nicht nur mit einem, sondern mit vielen Merkmalen zu tun, die darüber entscheiden, ob ein Hund für die Zucht in Frage kommt oder nicht. Bei diesen vielen Merkmalen, braucht es ein Selektionsverfahren. Die beiden geläufigsten Selektionsverfahren möchte ich gerne erklären, da sie sich sehr unterscheiden.

Mindestleistungsselektion

In den meisten Zuchtverbänden wird nach Mindestleistung selektiert. Für jedes Merkmal gibt es einen Grenzwert, der beim überschreiten zum Zuchtausschluss führt. Dabei wird jedes Merkmal gleich stark bewertet.

Beispiel: Ein (fiktiver) Zuchtverband legt fest, das ein Shar Pei CNV 2 oder 6 sein muss. POAG/Pll frei oder einfacher Träger sein kann. Im Gebiss werden maximal zwei fehlende P1 toleriert. Er darf maximal eine HD B Hüfte haben, kein Entropium, keine Keilwirbel und muss dem Rassestandard entsprechen, darf also keine groben Fehler aufweisen. Maximale Grösse des Hundes wäre 50cm.

Beispiel Hund 1 ist 53cm gross und hat ein bearcoat Fell, ein Fehler laut Standard.

Beispiel Hund 2 ist CNV 6 und einfacher POAG/Pll Träger, ihm fehlen zwei P1 und er ist HD B.

Beispiel Hund 3 hatte ein Entropium, ist CNV 10 und ihm fehlen mehrere Zähne, erfüllt ansonsten alle anderen Anforderungen.

Hund 1 & 3 werden nicht zur Zucht zugelassen. Durch den Zuchtausschluss dieser beiden Hunde gehen ihre Gene verloren.

Hund 2 wird trotz seiner Defektgene zur Zucht zugelassen, da er alle Mindestanforderungen erfüllt.

Dieses war nur ein Beispiel, um dieses Selektionsprinzip nach Mindestleistung zu verstehen.

Populationsgenetisch ist dieses Verfahren nicht besonders sinnvoll, da Schönheitsfehler wie ein inkorrektes Fell genauso hoch gewichtet werden wie Defektgene.

Indexselektion

In der Nutztier- und Zootierzucht findet man überwiegend die Indexselektion. Hier werden alle Merkmale differenziert betrachtet, bewertet und unterschiedlich gewichtet. Ebenso wird die Heritabilität einbezogen, geringe Heritabilität wird höher gewichtet als hohe Heritabilität. Mit der Indexselektion wird die genetische Vielfalt weniger reduziert.

Ein Phänotypischer Fehler, wie das bearcoat Fell und die Grösse von Hund 1 würden durch seine exzellenten Resultate in den anderen Bereichen kompensiert werden, seine guten Gene bleiben so für die genetische Vielfalt erhalten.

Hunde, die wegen Bagatellfehlern bei der Selektion nach Mindestleistung nicht zugelassen werden, würden mit der Indexselektion zur Zucht zugelassen, da alle Merkmale differenziert gewichtet bewertet werden. Der Vorteil für die genetische Vielfalt und der daraus resultierenden Fitness der Rasse, liegen also auf der Hand.

Umdenken

Am Ende müssen sich Zuchtverbände anfangen ernsthaft zu fragen, was wichtiger ist. Phänotypisch optimale Hunde, die der eigenen Auslegung des Standards entsprechen? Oder eine Population, frei von bekannten Defektgenen und einer höheren genetischen Diversität?

Und an dieser Stelle komme ich wieder auf meinen vorherigen Artikel zurück. Denn um unsere Rasse wirklich einschätzen und bewerten zu können, müssen wir die entsprechende Daten offen und transparent vorliegen haben. Nur dann können wir wichtige Zuchtwerte festlegen und eine für den Shar Pei sinnvolle Selektionsstrategie erarbeiten. Denn Phänotyp entspricht eben nicht Genotyp. Die Bewertung des Phänotyps ist abhängig von Meinungen, Interpretationen und Vorlieben. Für die Bewertung des Genotyps gibt es im Vergleich dazu kaum Interpretationsspielraum.

Ich möchte nicht das mein Artikel missverstanden wird und als Ausrede dient, mit Hunden zu züchten, die phänotypisch nicht dem Rassestandard entsprechen. Im Gegenteil, Ich halte den Standard für sehr wichtig. Auch wenn die Auslegung und Interpretation durch individuelle Meinungen und Vorlieben sehr unterschiedlich sein kann. Es ist nicht in Ordnung mit Hunden zu züchten, die schwere Fehler aufweisen, wenn nicht alle, uns heute zur Verfügung stehende, molekulargenetischen Testergebnisse bekannt sind. Denn ein Hund mit einem schweren Fehler kann eben auch genetisch nicht geeignet für die Zucht sein, oder auch nur inkompatibel mit dem Zuchtpartner den wir uns gewünscht haben. Auch ein Ausstellungs Champion, der phänotypisch dem Standard entspricht, kann gut oder schlecht für die Zucht sein, die Antwort liegt in seinen Genen.

Ich glaube der Shar Pei hat es verdient, das wir jetzt umdenken und bisherige Zuchtstrategien überdenken und neu bewerten. Denn heute haben wir so viele Hilfsmittel und Fachleute, wie nie zuvor.

 

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